Erinnerungen von Silva Radloff, geb.Breide

Silva Radloff, ist 1936 als Sechsjährige mit ihrer Familie auf den Hof II nach Glashagen gekommen und hat bis 1954 hier gelebt, sie erinnert sich an Vergangenes:

Als unsere Familie 1936 nach Glashagen kam, verfügten nur wenige Häuser und keiner der Höfe I bis III über einen elektrischen Anschluß, obwohl einige Häuser des Dorfes schon länger angeschlossen waren. Mein Vater kam aus Schleswig Holstein und der Nachbar Eimterbäumer vom Hof I kam aus Westphalen. Beide waren längst an die Vorteile der Elektrizität innerhalb einer Wirtschaft gewöhnt und erreichten schon bald danach auch hier ihren Anschluß ans elektrische Kraftnetz. Wir schafften uns bald darauf eine Dreschmaschine der Marke „Hummel“ an, mit der mein Vater auf unserem Hof und auch in der Nachbarschaft drosch. Der Dreschkasten war besonders nach dem Krieg ein wichtiges Utensil der gegenseitigen bäuerlichen Hilfe im Dorf Glashagen.

Die Maschine war natürlich stark nachgefragt, sodaß mein Vater oftmals gerade nachts arbeitete. Besonders nach dem Krieg gab es die Stromsperren tagsüber. Abends und nachts kam dann der Strom und das Dreschen ging los, da hat keiner auf ausreichenden Schlaf achten können.

Nach dem Krieg waren im Rahmen der Reparationsleistungen an die Russen Holzfuhren in großem Umfang zu leisten, für die Gespanne mit 2 Kutschern zu stellen waren. Meistens waren die Fuhren um Markrafenheide herum zu leisten und die dauerten schon wegen der Entfernung {Anfahrt} mehrere Tage. Eine hohe Belastung für Menschen, Pferde und Wagen. Wegen des hohen Verschleißes an Pferd und Wagen und der Anstrengungen der Männer, die letztlich in der eigenen Wirtschaft fehlten, waren diese Dienste sehr unbeliebt. Aber, Befehl war Befehl.

Wir hatten meistens 12 Kühe deren Milch regelmäßig zur Molkerei mußte. Dazu gab es für die Bauern Eimterbäumer, Hufe I, Griese Hufe III und Breide, Hufe II einen Milchwagen der uns gehörte, für den jeweils eine Woche umschichtig Pferde und Kutscher gestellt wurden. Das verlangte nebenbei, daß täglich um 5:00 Uhr das Melken losging. Die Milch mußte wegen der Haltbarkeit sehr früh in der Molkerei sein. Weil gemeinsames ordentliches Essen aller Leute üblich war, gab es schon wegen des Milchfahrens ziemlich früh ein gemeinsames Frühstück.

Die Milch der Büdner des Dorfes wurde ebenfalls von einem Milchwagen umschichtig von einem der Büdner gefahren. Für die Aufnahme der Kannen diente vor jedem Gebäude am Straßenrand eine sogenannte Milchbank, auf der die Kannen deponiert wurden. Das Querbrett der Milchbank war etwa in Höhe der Ladefläche angebracht. So waren die doch recht schweren Kannen aus dem Straßenschmutz raus. Eine Art toter Briefkasten von dem die gut gekennzeichneten Kannen vom Milchfahrer entnommen und wieder zurück gestellt wurden. Es war üblich allen Kühen Namen zu geben. An eine Meta erinnere ich mich besonders, weil sie in mehrfacher Hinsicht auffiel. Die hatte ihren eigenen Kopf und eine besondere Bindung zu meinem Vater und ließ sich nur von ihm melken.

Bald nach dem Einzug der Russen im Jahr 1945 wurde das gesamte Vieh beschlagnahmt. Hier in Glashagen wurden alle Kühe erst auf dem Gutshof gesammelt und dann eines Tages geschlossen in Richtung Reddelich vertrieben. Als sie auf dem Weg dahin an unserem Hof vorbei mussten, haben unsere Kühe die Herde verlassen und sind wie gewohnt links herum in ihren gewohnten Stall gelaufen. Natürlich haben die Treiber sie so schnell so etwas geht ziemlich rücksichtslos zurückgeholt. Während wir noch sinnierten welche Behandlung die Tiere wohl in Zukunft haben würden, hatte Meta ihren gewohnten ersten Platz im Stall gleich an der Wand besetzt und war damit vor dem Abtrieb gerettet. Sie wurde das Muttertier der aufzubauenden Rinderzucht bei uns.

Zu Vaters Funktion als Bürgermeister gehörte die Ausgabe der Lebensmittel-karten für die Hof- und Dorfbewohner. Das hatte persönlich zu erfolgen und wurde eine Aufgabe für meinen Bruder Gustav und mich. Besonders mit den Hofkindern hatten die Kinder aus dem Dorf ein gespanntes Verhätnis. Im Besonderen verteidigte ich manchmal unsere Hausbirnen gegen die aus der Schule kommenden Hofkinder, die an unserem Garten vorbei mußten. Als Verstärkung diente mir unser Hund, der nie gehetzt wurde, aber immer dabei war. Nun war doch klar, daß ich auf dem Hof mit „Rache“ rechnen mußte. Da kam es nicht zu Schlimmerem, weil ich auf der Hut war aber manchesmal laufen mußte.

Die Wasserversorgung aus den dörflichen Brunnen war nicht immer gleich gut. Es gab gute und weniger gute Brunnen und manche hatten auch nicht immer gutes Wasser. Das war den geologischen Bedingungen im Dorf geschuldet. Wir gehörten zu denen, die nicht immmer gutes Wasser hatten. Wenn es stark geregnet hatte, lief Jauche vom Misthaufen in den Brunnen hinein. Wir behalfen uns damit, dass wir von nebenan vom Hof III gutes Wasser holen konnten.

So kümmerte sich mein Vater Otto als erstses darum, dass ein neuer Brunnen am Viehhaus gebaut wurde und wir immer Zugriff auf gutes Wasser hatten.

Bekannt war auch ein alter Brunnen auf der ehemaligen Hofstelle I. Die lag gleich links am Dorfanfang, wenn man aus Doberan kam. Dort war nach dem Neuaufbau des Hofes I in südlicher Richtung, der alte immer noch bewohnte Hischkaten zurückgeblieben. Dessen wertvollste Ausrüstung war wohl ein Brunnen. Es war ein letzter alter Brunnen mit oberirdischem Holzkasten und einem langen kranartigen Hebebaum, an dem der Schöpfeimer hing.

Bewohnt war der Katen von einer Familie Hendes, die uns das Wasserholen erlaubte.

Ein kleiner, längst nicht mehr vorhandener Teich gehörte auch dazu, der den Kühen als Tränke und uns Kindern als Badestelle diente. Die Überreste dieses Katens, der auf der Wirtschaftsfläche des Hofes I lag, waren noch 1990 sichtbar, sind dann aber bald weggeräumt worden.

Auch von dem Brunnen und dem Teich ist nichts mehr zu sehen.

Wie Hof II zur Glocke kam: Als meine Familie nach Glashagen kam, war ich gerade sechs Jahre alt geworden. Auf dem neuen Hof gab es eine „Klapper“, die seit ewigen Zeiten dazu benutzt wurde, um die Arbeiter mittags zum Essen zu rufen.

Anfangs wußte ich ja nicht wozu dieses seltsame Holzgerät da war und hatte gehörigen Respekt davor. Bald merkte ich, dass das Geräusch etwas mit der warmen Mittagsmahlzeit zu tun hatte und das Personal zum Essen auf den Hof rief.

1945 nach Kriegsende wurde unsere Klapper von den russischen Besatzern für praktisch befunden und mitgenommen. Eigentlich war es ja nur eine Kleinigkeit aber das laute schnarrende Geräusch fehlte gehörig im Tagesablauf. Mein Vater erwarb deshalb eine Metallglocke, die sogleich an einem 2 Meter hohen Mast befestigt wurde. Den Klöppel konnte man duch einen langen Strick bewegen. Ab da wurde wieder jeden Mittag pünktlich um 11.50 kräftig geläutet, damit alle pünktlich um 12.00 am Tisch saßen. Da diese Glocke über das ganze Dorf tönte, hielt sich bald die ganze Nachbarschaft daran.

Am 5. Dezember 1954 wurde unser Wohnhaus in Brand gesteckt und brannte durch das Reetdach und das Stroh unter dem Dach lichterloh. Bei diesem Feuer wurde auch die Glashäger Glocke vernichtet und meine Eltern hatten alles verloren und flüchteten. Ohne Wohnhaus war eine weitere Bewirtschftung der Hofstelle nicht mehr möglich.