Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) in Glashagen

Am 1. Januar 1953 wurde die erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), die LPG „Quellental“ von 12 Mitgliedern auf dem Hof Glashagen gegründet. Alles verlief in etwa nach einem im ganzen Land proklamierten Statut. Was war der Ausgangspunkt? Es gab zu dieser Zeit eine halbwegs funktionierende Landwirtschaft, bei der sich alles um die Erfüllung der staatlichen Planaufgaben drehte, deren Ergebnisse jedoch insgesamt die steigenden Bedürfnisse der Versorgung der Bevölkerung nicht erfüllte.

Während besonders Diejenigen die aus der Landwirtschaft kamen durchhielten und recht gute Ergebnisse erreichten, waren Viele (Neubauern wie sie damals hießen) gerade so klargekommen oder manchmal sogar gescheitert an einigen Sollerfüllungen. Die maschinellen Engpässe wurden durch gegenseitige Hilfe überwunden oder wurden durch staatlich gestützte Ausleihstationen (sog. MAS) größtenteils überwunden und trotzdem waren die benötigten Produktionssteigerungen zur Versorgung der Bevölkerung, wie es damals umgangssprachlich hieß, unter der bestehenden Wirtschaftsweise nicht erreichbar. Dieser Zustand rechtfertigte und aktivierte die Einflußnahme des Staates auf die Wirtschaftsmethoden. Die politische Idee war es, nach sowjetischem Vorbild, die gesamte landwirtschaftliche Nutzfläche einschließlich der Maschinen und Wirtschaftsgebäude aus bis dahin privatem Besitz zu Vergesellschaften, wie es damals hieß. Eine Vorstellung, die naturgemäß nicht überall Zustimmung hervorrief. Einige hatten wenig zu verlieren und versprachen sich eine Ablösung aus der Situation der beruflichen Überforderung, waren sie doch manchmal bis 1945 nie Bauer gewesen und litten besonders unter dem steigenden Ablieferungssoll. Andere waren angestammt vorher Büdner gewesen und hatten durch den Zugewinn von Land aus der Bodenreform ein Auskommen. Sie sahen traditionell in der Trennung vom eigenen Hof, dem Vieh und der Gerätschaft das allerletzte Mittel ihre Situation zu verbessern.

So war die Erstgründung einer LPG im Dorf Glashagen schließlich beschlossene Sache und die Mitglieder wählten aus ihrer Mitte den Neusiedler Bruno Clupka als Vorsitzenden. Da alle vorwiegend Neubauern waren, konnten sie nur einen ganz geringen Umfang an Maschinen und Geräten in die Genossenschaft einbringen. So unter anderem im Wert von:

  • 11 Ackerwagen im Wert von insgesamt 4.800,00 DM
  • 13 Gespannpflüge im Wert von insgesamt 1.900,00 DM
  • 1 Ackerwalze im Wert von 150,00 DM
  • 1 Drillmaschine im Wert von 300,00 DM
  • 1 Mähbinder im Wert von 1.800.00 DM [25]

Die Genossenschaft bewirtschaftete insgesamt 136 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche, davon 115 ha Acker, ca. 8 ha Wiesen und 12 ha Weiden. Etwa 80 Hektar wurden der LPG vom Staat in Nutzung gegeben. Im ersten Jahr ihres Bestehens erwirtschafteten sie insgesamt 8.690 DM, die wie folgt verteilt wurden:

  • – 5962,00 DM wurden an die Mitglieder je nach Arbeitsleistung ausgegeben
  • – je Arbeitseinheit (A E) 8,68 DM
  • – je Hektar eingebrachten Boden (Bodenanteil 100,00 DM gezahlt)
  • – 2.051 DM gingen an den unteilbaren Fond für den Zukauf genossenschaftlichen Eigentums.
  • – 348,00 DM für Kulturfond, Erntefest, Theaterbesuch.
  • – 329,00 DM gingen in den Hilfsfond, für soziale Betreuung von Mitgliedern oder Unterstützung von Kindergarten und Schule. [25]

Der LPG wurde noch im Gründungsjahr 1953 ein sogenannter Örtlicher Landwirtschaftsbetrieb (ÖLB) angegliedert und diese vollständige Genossenschaft nannte sich auf gemeinsamen Beschluss hin LPG„Quellental Glashagen/Stülow“

1955 war die LPG auf von ursprünglich 12 Mitgliedern im Gründungsjahr auf 27 Mitglieder angewachsen und bewirtschaftete etwa 187 Hektar.

1960 war die Zeit der Freiwilligkeit der Mitgliedschaft in einer LPG für die noch allein Wirtschaftenden auch in Glashagen vorbei. Es kam zur Bildung einer Sonderform, einer LPG Typ I mit dem Namen „Goldbach“(benannt nach dem durch den das Quellental fließende Bächlein), gegründet von den Mitgliedern Herbert Steinke, Wilhelm Niemann, Ernst Niemann Hans Uplegger und Kurt Wachholz. Sie brachten gemeinsam rund 45 Hektar in diese LPG ein. Die Ehefrau Ida von Kurt Wachholz wurde zur Vorsitzenden und Ernst Niemann wurde zum Brigadier gewählt. Ernst Niemann schreibt in seinen Erinnerungen: „Nun wurden wir alles los, Kühe, Pferde, Pferde und Schweine, jedoch behielten wir eine Kuh und eine Sterke und 1-2 Sauen. Diese bewirtschaftete meine Ehefrau Liselotte. Das ging nicht lange gut, dann kamen auch die beiden Kühe weg. Schweine wurden weiter gefüttert und verkauft zu guten Preisen, denn wir bekamen von der LPG Naturalien, also Getreide und Kartoffeln.“

In einer Typ I (scherzhaft „Jeder seins“) wurde grob gesagt nur das Land gemeinschaftlich genossenschaftlich bewirtschaftet. Die Viehwirtschaft bestehend aus Rindern (gern gut bezahlten Mastbullen) und Schweinen. Auch diese Form des Wirtschaftens diente hauptsächlich dem völligen Zusammenschluß aller landwirtschaftlichen Kapazitäten bei gleichzeitiger Aufhebung des Privateigentums zur Vollgenossenschaft. Diese Entwicklungsstufe war in Stülow und Retschow gleichzeitig erreicht und so lag es nahe immer der Zentralisierung folgend, die nächsten Schritte zu tun. Die Bündelung des gesamten örtlichen landwirtschaftlichen Potentials geschah dann mit einem nächsten aber nicht dem letzten Schritt zur Zentralisierung.

1967 am 1. Januar. Die LPGen Glashagen und LPG Stülow schlossen sich zusammen als LPG Stülow /Glashagen. Im gleichen Jahr, am 11. März, erfolgte der Zusammenschluß mit der LPG „Frohe Zukunft“ Retschow. Fortan wurden etwa 1392 Hektar von 122 Mitgliedern bewirtschaftet. Hauptsächlicher Gegenstand der Produktion war sowohl Feldbau als auch Tierproduktion Kartoffel-und Rübenanbau. mit zunehmender Viehzucht der Maisanbau. Zu den Ergebnissen schreibt Prof. Gierke, dass am Ende 1967 insgesamt 647 Rinder, davon 400 Kühe und außerdem 154 Schweine gehalten wurden. Die Milchleistung pro Kuh betrug damals 2.772 kg in unserer LPG.
Ganze fünf Jahre später im Jahr 1972 ging die Umstruktuierung weiter in Richtung Vergrößerung. Die Betriebsflächen mehrerer LPG, zusammengelegt aus den benachbarten Dörfern, führten zur Bildung der sogenannten Kooperativen Abteilung Pflanzenproduktion-kurz KAP genannt. Unsere KAP war die namens „Conventer Niederung“ benannt nach der Landschaft nordöstlich von Doberan gelegen und verfügte über 6.350 Hektar Ackerflächen. Entsprechend der zukünftigen Arbeitsteilung in dieser KAP verblieb das Grünland zu Retschower Verfügung. Die LPG erhielt ein zusätzliches Kürzel T im Namen und hieß nun LPG(T) „Frohe Zukunft“Retschow. Noch eine neuerliche Unterstellung bestand in der Zuordnung zur Agrarindustrievereinigung (AIV) Kröpelin.

An dieser Stelle sei erwähnt, dass die geschilderte Entwicklung auf die zentralen Leitungsbeschlüsse von Partei und Regierung zurück gingen. Längst nicht immer war man einer Meinung und die Beschlüsse „von oben“ waren sogar kontraproduktiv. Beispielsweise wurde die Trennung von Pflanzen- und Tierproduktion von Vielen für nicht zweckmäßig gehalten. Die LPG war der KAP unterstellt. Die LPG-Mitglieder samt Technik arbeiteten auf dem Land einer anderen LPG usw..

Natürlich erforderte die Organisation und Leitung der Produktion eines Betriebes dieser Größenordnung zunächst eine Spezialisierung durch die Schaffung von Betriebsteilen und deren personeller Absicherung. Jeweils ein Brigadier, (so nannte man die Leiter der mittleren Ebene) standen einer unterschiedlichen Anzahl von Genossenschaftsbäuerinnen und -bauern vor. An der Spitze stand jeweils ein Vorsitzender, gewählt von der Vollversammlung. Er kam nicht unbedingt aus der Mitte der Genossenschaft, mußte jedoch fachliche und selbstverständlich politische Eignung vorweisen. Weil die Qualifizierung der Mitglieder auf allen Ebenen nicht nur in der Landwirtschaft der DDR planmäßig betrieben wurde, bestand ein hoher Ausbildungsgrad aller Mitglieder. Nicht förderlich war sicher der häufige Wechsel in der Führung.

Oft wird darüber diskutiert, daß in der LPG zu viele Menschen beschäftigt worden sind und dadurch die Produktivität zu nirdrig war. So waren beispielsweise 1984 in der LPG (T) „Frohe Zukunft“ Retschow insgesamt 99 Arbeitskräfte beschäftigt.

Davon waren 73 vollarbeitende Mitglieder – 16 Teilzeitbeschäftigte – 10 die Nichtmitglieder, die Voll- bzw. Teilzeitbeschäftigte waren.

Von den 99 Mitgliedern waren 85 als Produktionspersonal ausgewiesen, die übrigen in der Leitung oder in der Küche tätg. [25]

Als stärkste Wirtschaftkraft im Dorf hatte die LPG neben der landwirtschaftlichen Produktion immer auch auch eine Reihe sozial-kultureller Verpflichtungen. Genannt seien die Betriebsküche, der Kindergarten, Fahrdienste zum Rostocker Volkstheater und Unterstützung von Sportgruppen des überregional bekannten Chores oder Patenschaften sowie verschiedenste logistische Leistungen für die Allgemeinheit usw..

Zur LPG gehörte gleichzeitig eine Baubrigade, für die im Jahr 1984 eine bauwirtschaftliche Leistung von 120.000 Mark geplant war, aber tasächlich 255.ooo Mark erbracht wurden. Auf das Konto der Baubrigade der LPG gehen im Laufe der Jahre der Bau von 6 Eigenheimen, ein Wohnblock mit 8 Wohneineiten, umfangreiche Bauleistungen für Dorfbewohner und die Gemeinde. Der Um-und Ausbau der Glashäger Schule, beispielsweise beim Anschluß des Dorfes (1976) und des Hofes (1979) an das zentrale Wassernetz. [25]

Wesentlich ungünstiger wurden die Bauernhöfe I bis III behandelt. Legitimiert durch einen Beschluß der 10. Tagung des Zentralkommitees im Nov 1952 .Sie verfügten jeweils über eine Wirtschaftsfläche von mehr als 20 Hektar und erhielten damit ein erhöhtes Ablieferungssoll pro Hektar. Gleichzeitig war für sie die Versorgung mit Brennstoffen, Düngemitteln und Betriebsmaterialien jeglicher Art erschwert. Die überall zuständigen Versorgungsämter und deren unterlassene Freigaben benachteiligten ausdrücklich solche Betriebe. Die 1948 gegründeten staatlichen MAS (Maschinenausleihstationen) verfügten über bestimmte Landmaschinen. Sie standen allen Betrieben zur vollen Verfügung außer denen mit einer Fläche größer als 20 Hektar (gemeint waren hier in Glashagen die Hufen I, II und III ). Gleichzeitig konnte über deren eigene Maschinen innerhalb der MTS zwangweise verfügt werden. Sie selbst konnten offiziell nur dann Geräte ausleihen, wenn keiner der Neubauern Bedarf hatte und dann zum doppelten Preis.

Ohne an dieser Stelle auf die schikanösen Einzelheiten und sonstigen bislang bedrohlichen und verunsichernden Bedingungen seitens der örtlichen Sicherheitsorgane einzugehen, war die Herangehensweise zu dieser Zeit in allen Dörfern gleich. Diese Bauern waren objektiv außerstande das von ihnen erwartete Ablieferungssoll zu erfüllen. Die Nichterfüllung des Solls war gesetzlich strafbar und die persönliche strafrechtliche Verfolgung setzte unbarmherzig ein. Gleichfalls strafrechtlich relevant war der Tauschhandel einer bestimmten Kategorie: Nämlich die Teilnahme am sogenannten „Schwarzen Markt„, auf dem alles was knapp war aber zur Wirtschaft gebraucht wurde, zu haben war. Die Teilnahme an diesem Handel wurde als Diebstahl am Volkseigentum – einem damals besonders schweren Verbrechen bewertet.

Natürlich bleibt der Mensch der Mensch und es gab auch hier einige die übertrieben. So wurden einige Bauern abgeholt und Verhören unterzogen, manchmal tageweise eingesperrt und wieder laufen gelassen, in einigen Fällen strafrechtlich abgeurteilt und für längere Zeit oder sogar jahrelang eingesperrt. Die materielle Bestrafung bestand oft im Einzug des Vermögens. Gleichzeitig lief die Bildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Hier war das Einbringen der Arbeitsmaschinen, des Viehs und der Wirtschaftsflächen aus dem privaten in den genossenschaftlichen Besitz das Prinzip. Die persönliche Unterstellung gehörte zur Mitgliedschaft. Man wurde als ehemaliger Vorstand oder Angehöriger einer Bauernfamilie erst einmal ein gleichberechtigtes Genossenschaftsmitglied. Selbst ein Aufstieg als Brigadier oder Brigademitglied in der Viehwirtschaft, der Milchproduktion, der Feldwirtschaft oder als Traktorist oder gar Vorsitzender war in weiter Ferne. Hier soll nicht unerwähnt bleiben dass so mancher gerade durch die Bedingungen in der Genossenschaft mit ihren Bildungs-und Aufstiegsmöglichkeiten zu einer leitenden Funktion mit hoher Anerkennung und Ansehen gekommen ist.

Man muss die sprichwörtliche Bindung einer Bauernfamilie an die eigene Scholle (Acker, Haus und Hof) kennen um zu ermessen, was eine Trennung für immer von dem oft über viele Generationen besessenen und bewirtschafteten Hab und Gut bedeutete. Wie gering müssen diese Familien die Alternative bewertet haben, zukünftig ihre Existenzgrundlage weiter in dieser Form der Landwirtschaft zu sehen. Die Behandlung der Bauern der Kategorie unserer drei Hufen mündete 1953, wie im ganzen Land, in Repressalien, Strafandrohungen, kurzzeitige Festnahmen und Inhaftierungen.

So kam es dazu dass die Flucht der Familien in den „Westen“ (so nannte man hier die Bundesrepublik Deutschland) als unausweichlich ansahen. Unmittelbar betraf das die Familien Griese von der Hufe III und die Familie Breide von der Hufe II. deren Hof abbrannte. Die Familie Eimterbäumer von Hufe I war bereits 1946 nach dem Tod des Familienvaters in die ursprüngliche Heimat nach Herfort zurück gegangen. Der Hof wurde von einem Pächter Carl Köpke verwaltet, hier war die Enteignung und Eingliederung in die LPG im Zuge der Kampagne 1953 ohne weiteres erfolgt.

Keiner unserer Glashäger Bauern konnte in der Bundesrepublik in seinem Beruf wieder Fuß fassen und viele hätten hier in Glashagen mit Fachwissen und Erfahrung einen guten Beitrag leisten können. Zweifellos das Ergebnis einer verfehlten Landwirtschaftspolitik. Die Rückübertragung des Eigentums dieser Familien erfolgte erst nach der Wiedervereinigung Deutschlands. Die Erwähnung gerade dieses Kapitels der Dorfgeschichte und eine gelegentliche Vertiefung gehören hierher.

Artikel aktualisiert am 12.01.2021