1906: GV-Sitzung zu Trichinenschauen

Vom 13. Juni 1906 fanden wir im Protokollbuch einen Eintrag über eine außerordentliche Sitzung der Dorfversammlung. Anlass war eine Anfrage des Großherzoglichen Amtes, ob es sich empfahl, in Glashagen bei allen hausgeschlachteten Tieren die obligatorische Trichinenschau, die bis dahin nicht verlangt wurde, einzuführen.

Die Dorfversammlung beschloss, es wie bisher dem Ermessen des Einzelnen freizustellen, ob er bei Hausschlachtungen das Fleisch auf Trichinen untersuchen lassen wolle, da ja das Gesetz dies nur beim Verkaufen von Fleischwaren forderte.
Beschlossen haben dies: der Büdnervertreter Völker, der Erbpächter Hermann Griese, der Erbpächter Heinrich Griese und Schulze E. Jürges. [5]

Damit sollte das Problem eigentlich abgewendet worden sein, wenn nicht eineinhalb Jahre danach, am 27. Dezember 1907 eine weitere Sitzung der Dorfversammlung hätte stattfinden müssen. Verhandelt wurde im Schulhaus, anwesend waren drei Mitglieder. Der Erbpächter H. Griese, sowie der Unterförster Fietensee fehlten.

Auf der Tagesordnung stand ein Schreiben vom Großherzoglichen Amt über Anstellung eines Fleischbeschauers und Tragung der Kosten der Ausbildung sowie Anschaffung eines Mikroskopes für den Kreis Retschow. In Betracht kam der Maurer Tramms, die Kosten betrugen 300 Mark, wovon Glashagen als Teilzahlung 31 Mark und 58 Pfennige zu tragen hätte.

Es wurde beschlossen, dass die Anstellung eines Fleischbeschauers für Glashagen keinen Zweck habe, da die Untersuchung von Schweinen bisher nicht üblich wäre. Falls aber einmal eine Fleischbeschau stattfinden sollte, so würde es bequemer sein, für die kleine Gemeinde Glashagen in Doberan oder Kröpelin untersuchen zu lassen.
Beschlossen haben dies: der Lehrer Rausch, der Schulze Jürges, Erbpächter Griese und Büdner Völker [5]

Hintergrund:

In den 1860-er Jahren machte man in Leipzig die Entdeckung, dass die Trichine die Ursache für höchst gefährliche Krankheiten sein kann und bis dato unerkannt geblieben war. In Deutschland konnten nach Kenntnis der Symptome und darauf basierenden Schätzungen etwa 15.000 Erkrankungen, teils mit Todesfolge, nachvollzogen werden [www.uni-protokolle.de]. Im Jahr 1900 wurde mit dem Reichsfleischbeschaugesetz die Trichinenschau zur Pflicht gemacht. Viel ernster wurde die Angelegenheit in Rostock genommen, wo man in einer Zeitungsaugabe vom Januar 1865 lesen konnte:

Zur Vorbeugung der Trichinenkrankheit wird nachstehende, von Seiten des Physikats entworfene Belehrung hierdurch veröffentlicht:

1)
Die Gefahr schwerer, ja tödlicher Erkrankung durch den Genuß trichinenhaltigen Schweinefleisches macht es jedem Einzelnen zur ernsten Pflicht, mit aller Aufmerksamkeit sich und seine Angehörigen durch Beherzigung und Befolgung nachstehender Angaben gegen Nachteil zu sichern.

2)
Bisher ist unter den als Speise dienenden Fleischsorten nur das Schweinefleisch trichinenhaltig befunden. Auf dieses haben sich die Vorsichtsmaßregel allein zu erstrecken.

3)
Schweinefleisch darf niemals roh gegessen werden, erst wenn es durch und durch der Siedehitze oder doch mindestens einer Temperatur von 60° Reaumur (75° Celsius) ausgesetzt ist, sind etwa darin vorhandene Trichinen getödtet.

(…)

6)
Den Schweinezüchtern und Schweinehändlern wird sorgfältigst Reinlichkeit bei der Fütterung der Schweine dringend empfohlen, nämlich sind diese von allem Aas und verdächtigem Fleisch, so von Ratten, Mäusen Maulwürfen fernzuhalten.

Rostock, den 21. Januar 1865.
Das Polizei=Amt

Es lag auf der Hand, daß die wehrhafte Dorfversammlung sicher bald einlenken mußte, weil in der Folge gleich mehrere Vorschriften mit Gesetzeskraft erlassen wurden. Die Fleischbeschau verbunden mit einer Untersuchung auf Trichinen und weitere ist bis heute weltweit Voraussetzung aller Haustier – und Wildschweinschlachtungen, sie wurde und wird noch heute von einem Tierarzt durchgeführt.

1932 lesen wir im Protokollbuch, daß die Preise für die Trichinen und Finnenschau ermäßigt werden.

Artikel aktualisiert am 12.08.2020