1869: Gemeindeordnungen in Mecklenburg

Die Grundzüge der Gemeindeordnung für die Domanial-Ortschaften waren folgende: In den Domainen bildeten die Dorfschaften Gemeinden innerhalb der Grenzen der Feldmark . Die Ordnung trat durch ein für jede einzelne Gemeinde vom Ministerium des Innern bestätigtes und dem Großherzoglichen Amt Doberan erlassenes Statut in Kraft. Die Zeit der alleinigen Dorfführung durch nur einen Bürgermeister war vorbei. Nach wie vor gabes natürlch den den Dorfschulzen, der vom Landesherren (Großherzog) , aus allen Gemeindeangehörigen benannt und durch das Amt Doberan in Eid und Pflicht genommen wurde. Ausdrücklich behielt er alle bisherigen Emolumente. (Vergütungen). Für den Dorfschulzen und die übrigen Stellen der neuen Gemeindeverwaltung galten strikte sehr eindeutige Bedingungen. Dazu hieß es im §9:

  1. Jeder Gemeindeangehörige ist zur Übernahme des Schulzenamtes verpflichtet. 2. Die unbesoldeten Stellen der Gemeindeverwaltung, namentlich als Schöffe, Beauftragter zur Dorfversammlung, Ausschußmitglied usw. muß jeder übernehmen, der für seine Person oder durch einen Beauftragten an der Dorfversammlung teilnehmen kann und muß. Zur Ablehnung berechtigt jedoch ein Alter über 60 Jahre, Gebrechlichkeit oder anhaltende Krankheit. Auch kann wer 6 Jahre eine unbesoldete Stelle bekleidet hat, die weitere Übertragung derselben für diee nächsten 6 Jahre ablehnen. Die Niederlegung einer unbesoldeten Stelle vor Ablauf des Zeitraumes, für welche dieselbe übertragen ist, kann gleichfalls nur wegen Krankheit oder Gebrechlichkeit geschehen. Die erste Entscheidung über eine Ablehnung oder Niederlegung trifft die Dorfversammlung, bei Schöffenstellen jedoch das Amt.

Die Ortsvorsteher waren die Verwalter der Ortspolizei und hatten namentlich für:

a) die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit zu sorgen, strafbaren Handlungen vorzubeugen. Vagabonden und fremde Bettler zu verhaften und ans Amt Doberan auszuliefern. b) Feld-und wegepolizeilich zu walten. c) Bei Visitationen Beistand zu leisten – überhaubt das Amt zu unterstützen. Diese Aufgabe hatte der Ortsvorsteher in Alleinverantwortung.

Die Gemeindebehörden bestanden aus dem Schulzenrat und der Dorfversammlung. Der Schulzenrat (incl. Dorfschulze) leitetete und führte die laufenden Geschäfte, er vertrat die Gemeinde Dritten gegenüber, verwaltete das Rechnungs-und Kassenwesen, traf in dringlichen Fällen die Dorfversammlung, bereitete Beschlüsse vor, beschloß sie und führte sie aus.

Gegenstand der Verwaltung der Gemeinde waren: Das Armenwesen, das Gemeinde=Schulwesen, die Instandhaltung der Landstraßen, der Communikationswege, der Dorfwege, das Entwässerungswesen, die Räumung von Flüssen und Bächen, die Anlegung und Räumung von Gräben und Deichen innerhalb der Feldmark. Darüber hinaus: Die Haltung der Nachtwächter, das Feuerlöschwesen, das vorhalten von Begräbnisflächen, die Haltung einer Hebamme und Totenfrau, alles was überhaupt den Gemeinden gesetzlich oder in sonst verbindlicher Weise zugewiesen war oder zukünftig werden würde. Zur Umsetzung der Gegenstände der Gemeindeverwaltung konnte diese eigene Ordnungen erlassen in denen Übertretungen Geldstrafen nach sich zogen. Alle Zahlungsverweigerungen wurden auf dem Zwangsweg durch Organe des Amtes eingeholt.

Die Dorfversammlung über besondere Teile des Gemeindewesens, besonders bei Rechtstreitigkeiten Benutzung sog. Dorfschaftsfreiheiten (Weiden und Backöfen usw.), sowie des bisher als Kompetenz für die Einlieger überlassenen Ackers, Niederlassungsgesuche, Bau neuer Häuslereien und Herstellung neuer Wohnungen, Erwerb und Verkauf von Grundstücken. Der oben erwähnte Schulzenrat bestand aus dem Dorfschulzen und einer Anzahl vom Amt auszuwählender Schöffen. Bei ihnen handelte es sich tunlichst um Gemeindeangehörige aus der Hauptklasse des Grundbesitzes (hier in Glashagen die Pächter der Hufen I bisIII), die im Abstand von 6 Jahren wechselten. Sie wurden vom Amt per Handschlag auf Gewissenhaftigkeit verpflichtet. Den jeweils 1. Schöffen bestätgte das Amt extra, er allein konnte den Dorfschulzen vertreten.

Die Dorfversammlung war ein weiteres Organ der Verwaltung eines Dorfes. In ihr befanden sich zunächst alle Mitglieder des Schulzenrates, alle Hufenbesitzer, die Großherzoglichen Forstbedienten einschl. Holzwärter, der Lehrer mit Familienstelle, Büdner und Häusler waren durch jeweils einen Deputierten (Vertreter) zugelassen. Frauen hatten kein Recht zur Mitgliedschaft. Darüber hinaus gab es so gut wie kein Verweigerungsrecht. Angefangen vom Bürgermeister über die Schöffen bis hin zu den gelegentlich Beauftragten und allen Mitgliedern der Dorfversammlung galt gleichzeitig entschädigungslose Tätigkeit über den festgesetzten Zeitraum.

Die Dorfversammlung trat nur auf Beschluß des Schulzenrates zusammen. Den Vorsitz führte der Schulze, er konnte wegen ungebührlichen Verhaltens Mitglieder entfernen. Über alle „Amts“handlungen wurde ein Protokollbuch geführt. Die Beschlüsse wurden in diese auch als Gemeindebuch bezeichnete Urkunde eingetragen.

Soweit die Einnahmequellen zur Deckung der finanziellen und materiellen Gemeindezwecke oder auch der verschiedenden Dienste nicht ausreichten, konnten durchaus Zwangsleistungen an Geld von jedermann verlangt werden. In diesen seltenen Fällen wurden sozial Gleichgestellte gleich behandelt und die vermögenderen höher belastet als ärmeren. Das Beitragsverhältnis solcher Zahlungen wurde unter Zuziehung des Schulzenrates, vom Amt und letzlich nur mit der Genehmigung der Goßherzoglichen Kammer aufgestellt. Spanndienste wurden je nach der Fuhrkraft für kommunal gemeinnützige Arbeiten geleistet und auf Verlangenwerden in Geld abgeschätzt und auf Verlangen aus der Kasse vergütet. Befreit von derlei Naturaldiensten und Handdiensten sind Kirchendiener und Schullehrer. Für den Erwerb von Grundbesitz war privat und von Gemeinde zu Gemeinde ausschließlich eine amtliche Genehmigung erforderlich. Beschwerden über Schulzenrat oder Beschlüsse der Dorfversammlung gehen ans Amt. Über das Amt gehen sie erforderlichenfalls an die Kammer. [24]

Die erste Glashäger Dorfversammlung trat laut dem neu eingerichteten Protokollbuch am 21. September 1871 unter Leitung des Schulzen Borgwardt zusammen. Als Schriftführer fungierte der Holzwärter Lübbert. Es ging in der Tagesordnung darum die lt. Gemeindeordnung geforderte Dorfcasse einzurichten. Aus ihr sollten die vierteljährlich fälligen und die unvohergesehenen zufälligen Ab- und Ausgaben zukünftig geleistet werden. Um die Casse sofort ins Leben zu bringen, werden 40 RM bar aus der Gemeinde zusammen zu bringen. Weitere 20 RM will man aus den Pachteinnahmen für die Gemeindeländereien dieses Jahres nehmen , eine Kasette stellt der Bürgermeister. …

vorgelesen und genehmigt: in fidem Borgwardt, Schulze ; Griese Hauswirth ; Lübbert, Schriftführer

Soweit die Liste der Anwesenden der ersten Dorfversammlung, in den nächsten Sitzungen ist sie um den Lehrer Methling und den Büdnervertreter Thamms erweitert. [05]

Artikel aktualisiert am 13.08.2020