Hebammen in den Dörfern

Geburtshilfe und die Tätigkeit von Hebammen sind sicherlich so alt, wie die Menschheit und über einen langen Zeitraum vorwiegend Sache weiblicher Laien. So war bis Mitte des 20. Jahrhunderts die Hausgeburt ein fest integriertes Ritual. Das diesbezügliche Erfahrungswissen wurde gerade in ländlichen Regionen unter älteren Verwandten oder benachbarten Frauen ausschließlich mündlich weiter gegeben. Auf diese Weise bilden sich sich naturgemäß sehr spezielle Behandlungsmethoden heraus. Unterschiedliches sachliches Wissen über Hygiene und die Verabreichung stimulierender oder schmerzlindernder Mittel hatten ein hohes Risiko für Mutter und Kind zur Folge. Praktisch gab es überall besonders geschickte und erfahrene Frauen , die umgangssprachlich als „weise Frauen“, „Wehmütter“ oder „Heb-Ammen“ bezeichnet wurden.

Männer waren, der zeitgmäßen vor allem kirchlichen Moralvorstellung entsprechend, weitgehendst von der Anwesenheit beim Geburtvorgang ausgeschlossen. Andererseits war es auch üblich, daß Geburten in der Position auf dem Schoß des Ehemannes sitzend vorgenommen wurden. Die eher zufällige „Ausbildung“und Übung durch Wiederholung führten gewiß zu einer gewissen Fertigkeit und Routine der geburtshelfenden Frauen.

Dramatisch war eine hohe Sterblichkeitsrate bei Mutter und Kind. Allein die allgemeinen hygienischen Verhältnisse waren aus moderner Sicht besonders auf dem Lande fürchterlich. Das sogenannte Kindbettfiber die seinerzeit gefürchtete Krankheit im Wochenbett hatte den Beinamen Geisel der Menscheit und viele tote Mütter zur Folge bevor es um 1850 von Ignaz Semmelweis entdeckt wurde.

Die landläufige Auffassung besonders zu Schwangerschaft und Geburt und dem oftmals tragischen Verlauf hatte lange Zeit etwas schicksalhaftes und unabänderliches. Erst das allgemein wachsende Niveau der medizinischen Wissens und seiner Verallgemeinerung und Anwendung brachte Besserung. Einige einfache Ordnungen drangen besonders zu den einfachen wenig gebildeten Menschen auf den Dörfern nur schwerfällig durch. Zu hartnäckig waren auch Tradition und Einsicht.

So ging das bis Ende des 17. Jahrhunderts. Gekoppelt an die allgemeine medizinische Entwicklung und Versorgung erreichten sogenannte Medicis, als die ersten auf der höhe der Zeit medizinisch gebildete Personen, die Wende. Planmäßig in Städten und in den Marktflecken angesiedelt, sollte deren Wissen ausdrücklich auch zur Qualifizierung der Hebammen genutzt werden, das war die Absicht des regierenden Herzogs Gustav Adolph zu Mecklenburg . Begleitet wird diese fortschrittliche Absicht des Herzogs durch die Veröffentlichung einer Medizinal-und Apothekerordnung. Etwas später 1695 kommt es direkt die Hebammen betreffend zu einer weiteren Verordnung, die wenn auch noch nicht zu einer Ausbildung, so doch zu einer vorgeschriebenen Prüfung der Hebammen bei einem bestimmten Medici auffordert.

Der Inhalt dieser 1695 erlassenen Verordnung soll zum Verständnis der Situation hier auszugsweise wiedergegeben werden: Den bereits tätigen und zukünftigen Hebammen auf dem Lande wird befohlen sich bei einem von drei für Mecklenburg genannten Medicis examinieren zu lassen. Die Prediger des Kirchsprengels sollten darüber wachen, daß nur noch geprüfte Frauen arbeiten durften. Am Ort bereits wegen Fehlverhaltens entlassene Frauen wurden nicht erneut berücksichtigt und sogar bestraft, wenn sie die Prüfung anstrebten. Man will „in teutscher Sprache einen Unterricht, dem ganzen Lande zum Besten, in Druck verfaßen und auf unseren Aemtern ehestens distribuiren [verteilen].“ Weitergehende Anordnungen fordern:

Die Wehmütter stellen Hausmittel für den Notfall. Die Anwendung abergläubiger und unnatürlicher Mittel ist bei harter Strafe verboten. Im Übrigen soll man sich christlich, vernünftig, bescheidentlich und keusch in Wohrten und Gebehrden verhalten.

1771 wird in einer später folgenden Ordnung von „Von den Hebammen“ eine zeitgemäße Variante zu diesem Thema befohlen. Neu ist: Dass vor der Prüfung eine Ausbildung zu absolvieren ist, bis eine Prüfung erfolgt und bescheingt wird. Abschließend soll der Eid der Hebammen abgelegt werden. Die Tätigkeit ohne die genannten Voraussetzungen wird bei Androhung harter Strafe untersagt. Den Beamten wird befohlen eine flächendeckende Versorgung zu sichern. Erstmalig muß jede Hebamme einen Geburtsstuhl besitzen. Diese Stühle werden aus praktischen Gründen in jedem Dorf in der Schule oder beim Bürgermeister stationiert. Abtreibung oder Kindstötung im Mutterleib wird mit Leib- oder gegebenenfalls Lebensstrafe bedroht, Beobachtungen derartiger Vergehen sind anzeigepflichtig und unbedingt zu bestrafen.

[Hinweis auf Original 1771]

Bereits drei Jahre später stellt der inzwischen regierende Herzog Friedrich fest, daß die Landesherrliche Medicinal-Ordnung von 1771 bezüglich der Hebammen „sehr wenig beobachtet werde, daß von Fähigkeit und Unfähigkeit der Hebammen und und ihrem Benehmen bei der Geburtshilfe, das Leben und die Gesundheit vieler tausend Meschen lediglich abhängt …“. Er befiehlt nochmals innerhalb von sechs Monaten Hebammen auszubilden, zu prüfen und zu bescheinigen. „Die Veröffentlichung der Verordnung hat durch Drucksache in den Intelligenz-Blättern zu erfolgen“.

Es scheint im Umgang mit dem Thema endlich ein anderer Wind zu wehen, denn schon eine 1775-er Verordnung verlangt von allen Ämtern einen Bericht über den Stand der Erfüllung. Offensichtlich hat man vorher den Beamten und Bürgermeistern, geschweige den armen Hebammen etwas befohlen, ohne sie zu befähigen es umsetzen zu können.

1793 erläßt Herzog Friedrich Franz im Band V der für Mecklenburg Schwerin gültigen Landesgesetze eine weitere Verordnung zu: Unentgeltlicher Unterricht in der Geburtshilfe. Bezugnehmend auf alle bisher unwirksam gebliebenen Verordnungen und Weisungen:

Unser Sanitätsrath Hennemann und unserem Professor Josephi zu Rostock die unentgeltliche öffentliche Unterweisung derjenigen Hebammen vornehmen werden, welche sich aus unseren Domänen einfinden. Sie sollen zur Anlegung einer Pflanzschule tüchtiger Hebammen und Wundärzte in Unseren Landen etwas Vollständiges ausführen.

1796 wird zum Thema Anstellung hinlänglicher und wohlunterrichteter Hebammen u.a. geschrieben, dass es besonders auf dem platten Lande immer noch, wie oftmals befohlen, an entsprechenden Hebammen fehlen soll. Seitens der Landesregierung wird nun die übliche meist schlechte Entlohnung der Hebammen als eine weitere Ursache erkannt und durch ein Gesetz beendet: Gebühren der Hebammen in den Domänen vom 30. August 1803. Erwähnt werden soll hier, daß dieses frühe gesetzlich vorgeschriebene Entlohnung in eine TAXORDNUNG mündet

In der Folgezeit kommt es von gesetzgeberischer Seite zu weiteren einschlägigen Anordnungen:

  • 1801: Aufruf zur Anschaffung von Geburtsstühlen mit Hinweisen zur Beschaffenheit und dem preisgünstgsten Verkaufsort.
  • 1812: Über Anschaffung von Geburtsstühlen mit Hinweisen zum Aufbewahrungsort. (Empfehlung ist das jeweilige Bürgermeisterbüro)
  • 1839 : Aufbringung der Evolumente für die Hebammen:
    In den Großherzoglichen Ämtern hat über die Aufbringung der Miethe für die Hebammen, sowie der etwaigen Kosten ihres Unterrichts und ihrer Instrumente auch rücksichtlich des Feuerungs-Deputates ein gleichmäßiges Verfahren bisher nicht Statt gefunden. Zur möglichen Erreichung desselben sollen daher von Johannis 1839 excl. an nachstehende Vorschriften zur Anwendung kommen.
    Es folgen die Eizelheiten für diese doch umpfängliche Absicherung der Leistungen z.B. die Beteiligung der Dorfbewohner abgestuft nach sozialer Sellung.
  • 1859: Tritt ein Geburtskissen an die Stelle des bis dahin üblichen Geburtsstuhles. Wie ernst es mit der Abschaffung beider und weiterer Instrumente ist, zeigt sich 1885 , als anläßlich der Einführung „die Ablieferung an die Obrigkeit ohne Entschädigung“ befohlen wird.
Die Taufe

Die gesetzliche Forderung die Kindstaufe möglichst rasch nach der Geburt dazu noch in der Kirche vornehmen zu lassen führt zu vielen Problemen. Für die katholische Kirche wird das Sakrament der Taufe als unerlässliches Mittel zur Rettung des ewigen Lebens angesehen. Dem gegenüber sah die Evangelische Kirche die Taufe in erster Linie als Wiedergeburt. Beide Konfessionen waren und sind also an einer schnellstmöglichen Taufe nach der Geburt interessiert. Die Vorgaben lagen bei Normalgeburten ganz früher bei ein bis maximal drei Tagen innerhalb derer Kinder getauft sein mussten. Noch 1880 läßt die untenstehende Ordnung die Ernsthaftigkeit dieses Themas ahnen:

Bei häufiger als heute vorkommenden Notgeburten mussten die Hebammen taufen können, für den Fall, dass ein Pastor zu spät käme, geschweige denn daß die unter allen Umständen geforderte Taufzeremonie in der Kirche nicht stattfinden könne. Diese vielleicht größte pastorale Handlung eine Taufe, in die Hände eines Laien gelegt, bedingte ein paar gehörige Anforderungen. Für den Pastor Veranlassung genug auf die Auswahl und Unterrichtung der Hebamme peinlich zu achten. Ihre Rolle in diesem Zusammenhang und den Bezug zur Registrierung in entsprechenden Taufakten ist von größtem kirchlichen und weltlich statistischem Interesse. Wir denken dabei an die Führung der Kirchenbücher, aus denen bis zur zur Bildung der Standesämter in den 1870er Jahren alle offiziellen Dokumente zur Person abgeleitet wurden.

Allerdings hat das Großherzoglich Mecklenburgische Ministerium, Abtheilung für geistliche Angelegenheiten Veranlassung zu einer lustigen Richtigstellung im Regierungsblatt 1856:

Zur Beseitigung entstandener Zweifel wird hierdurch darauf hingewiesen, daß:

1.
der dem Publikandum vom 28. November v.J. erwähnte“geistliche Beruf“ der Hebammen sich nur auf dasjenige bezieht was die revidierte Kirchenordnung Th. 3 „Von der Nothtauf“ darüber enthält,

2.
das in demselben Publicandum erwähnte Zeugnis des Ortspredigers nicht als ein absolut unerlässliches Erkundigungsmittel für die Ortsobrigkeiten vorgeschrieben worden ist, auch die letzteren in ihrer pflichtgemäßen Beurtheilung nicht an den Inhalt dieses Zeugnisses gebunden worden sind.

Schwerin, den 29. April 1856

1920: Die Hebammen Doberans (hier im Dorf vertraglich zuständigzuständig) erbetene Erhöhung ihres Gehaltes von 20 Mark auf 75 Mark wird nicht bewilligt, weil zu hoch. Bezogen auf die Ortsgröße werden 50 Mark bewilligt. Das Gehalt bezieht sich auf die Bereitschaft und Verbindlichkeit, jederzeit zu reagieren.

Die Klassenbilder der Schulkinder im Dorf und auf dem Hof und die Volkszählungen beweisen uns daß viele Kinder hier geboren worden sein müssen, trotzdem ist diesbezüglich nichts überliefert, welche Umstände beispielsweise die anbefohlene frühe Taufe innerhalb zwei bis drei Tagen nach der Geburt bedeutete. Mutter und Kind mußten besonders wintertags in die eine Wegstunde entfernt liegende ungeheizte Kirche und der mindestens 1/2 stündige Zeremonie über sich und ihr Baby ergehen lassen. Viele kritische zeitgenössische Berichte haben diese wenig menschenfreundlichen Umstände beschrieben, bis schließlich immerhin Haustaufen gegen Sondergebühren eingeführt wurden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Tauftermine schrittweise bis zu mehreren Wochen nach der Geburt zugelassen. Heute sind sie unbefristet ein lebenlang möglich. Ortsbezogene mit den jeweiligen Hebammen stehende Geschehnisse sind in der Dorfchronik für die Jahre 1875, 1904 und 1920 aufgeschrieben.

Artikel aktualisiert am 27.05.2020